Eine Methode zur Arbeit mit Gruppen

Adelheid Stein und das Sozialtherapeutische Rollenspiel

Ein Nachruf von Prof. Walter Schild

Frau Prof. Dr. Adelheid Stein war bis zu ihrer Emeritierung nicht nur eine geschätzte Interpretin sozialpädagogischer und psychologischer Konzepte an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, sie ist auch Begründerin einer sehr erfolgreichen Gruppenmethode.
Ihr überraschender Tod am 26. Juni 2001 hat sie aus einer weitverzweigten Ausbildungs- und Weiterentwicklungsarbeit für ihr "Sozialtherapeutisches Rollenspiel" (STR) gerissen. Diesem ihrem Kind hat sie viel von ihren Überzeugungen, aber auch manchen Persönlichkeitszug mit auf den Weg gegeben. Dieses ihr Lebenswerk soll mit den folgenden Ausführungen kurz umrissen und gewürdigt werden.

Die ersten Sozialtherapeutischen Rollenspiele wurden seit 1972 für die Praxisreflexion von StudentInnen entwickelt, denen ihre Dozentin damit helfen wollte, sich in Lebenswelt und Handlungsmotivationen ihrer KlientInnen besser hinein versetzen zu können. Gleichzeitig sollte den Lernenden mit der Übernahme verschiedener Rollen die Wirkungen ihrer Persönlichkeit und ihres Verhaltens in der beruflichen Interaktion bewusster werden. Angeregt durch das Psychodrama und die Gruppendynamik entwickelte sie eigene Formen des Rollenspiels und der Imagination, die sich jedoch streng an den Grundsätzen, Kompetenzen und Aufgaben beruflicher Sozialer Arbeit orientierten.

Es stellte sich bald heraus, dass diese kreativen Reflexionshilfen auch in der Gruppenarbeit mit KlientInnen, zum Beispiel in der damals aufzubauenden Hilfe für suchtkranke Menschen, sehr hilfreich waren. Die Entwicklungsarbeit gewann damit eine neue Dimension. Was nun folgte, kann als beispielhaft für Forschung und Entwicklung an Fachhochschulen gelten: Praxisbedürfnisse wurden erkannt und aus dem vorhandenen Fachwissen beantwortet. Die daraus entwickelten methodischen Entwürfe wurden an der Fachhochschule und in der Praxis erprobt, modifiziert und wieder erprobt. An diesem Prozess partizipierten und lernten alle Beteiligten.

Freilich: dieser Prozess wäre ohne Frau Dr. Stein so nicht denkbar gewesen. Mit drei besonderen Fähigkeiten prägte sie diese Entwicklung. Bewundernswert war die Kreativität, mit der sie spielerische Bearbeitungsformen psychosozialer Probleme entwickelte und ihnen eine sinnvolle Struktur gab. Zum anderen konnte sie ihre "Mitspieler" inspirieren und auch kleinere Beiträge zur Verbesserung aufgreifen und wertschätzen. Schließlich arbeitete sie unermüdlich daran, das STR durch die Einrichtung von Ausbildungsgängen, durch Veröffentlichungen und die Gründung eines Instituts als Praxismethode dauerhaft zu etablieren.

Lässt sich das Sozialtherapeutische Rollenspiel in Kürze beschreiben? Die Methode will dem einzelnen im Rahmen der Gruppe helfen, sich mit prägenden Ereignissen seiner Biographie und mit den ihn bedrängenden Gegenwartsfragen auseinanderzusetzen. Sie hilft ihm durch strukturierte Spielformen, seine Wahrnehmungs- und Kommunikationsmuster zu erkennen und bei Bedarf zu verbessern. Die Gruppe als Mikrokosmos sozialen Zusammenlebens dient dabei als Spiegel, als Quelle der Unterstützung und Ermutigung für den einzelnen, sowie als Raum der Erprobung neuen Verhaltens. Die neuen Sichtweisen und die erarbeiteten Lösungen müssen sich dann freilich in den realen Alltagssituationen bewähren. Auch daran wird mit Hilfe der Gruppe gearbeitet.

Inzwischen hat das Sozialtherapeutische Rollenspiel in verschiedenste Arbeitsfelder Einzug gehalten, wie eine breit angelegte Befragung (ASIS-Forschungsgruppe, 10/2000) bestätigte. In der Jugendhilfe wird es bei der Betreuung von Pflege- und Adoptiveltern, in der Erziehungsbeistandschaft, in sozialen Trainingsgruppen, aber auch in stationären Einrichtungen vielseitig eingesetzt. Nicht vergessen werden darf die klassische sozialtherapeutische Arbeit mit suchtkranken und psychisch kranken Menschen in Beratungsstellen, Therapie- und Nachsorgeinstitutionen. Weitere Einsatzorte sind (Familien-)Bildungshäuser, Schulen, Pfarrgemeinden, Einrichtungen für behinderte Menschen, Treffpunkte für Senioren und viele mehr. Die obengenannte Studie hat insgesamt 42 Anwendungsbereiche registriert.

Die erforderliche Anpassung der sozialtherapeutischen Rollenspiele an so unterschiedliche Zielgruppen und Anwendungszwecke wird einmal durch eine breites Repertoire an entwickelten Spielvorschlägen erleichtert. So gibt es spezielle Rollenspiele für Kinder und Jugendliche, aber auch für ältere Menschen; ein Sozialtherapeutisches Rollenspiel für die psychosoziale Arbeit als auch eines für die pastorale und diakonische Arbeit. Die Anpassung der Spiele an die jeweilige Situation wird zum anderen von gut vorgebildeten SpielleiterInnen geleistet. Von Beginn an setzte Frau Dr. Stein auf eine solide, an einschlägigen Studienabschlüssen anknüpfende Ausbildung. Diese ist dreistufig konzipiert (3 x 150 Stunden) und führt bereits mit dem Abschluss der ersten Stufe zur Fähigkeit, grundlegende Spiele im eigenen Tätigkeitsbereich einzusetzen. Die zweite Stufe supervidiert die Anwendung des STR und erweitert das Spielerepertoire. Die dritte Stufe bezieht die Themen und Möglichkeiten von Märchen und Mythen in die Spielpraxis ein.

Der Erfolg dieses Ausbildungskonzepts und der Methode selbst lässt sich auch an ihrer geographischen Verbreitung ablesen. Frau Dr. Stein ließ es sich nicht nehmen, in den letzten Jahren einen Ausbildungsschwerpunkt in Dresden aufzubauen. In der Mehrzahl der deutschen Länder werden inzwischen Ausbildungsgruppen angeboten. Eine Reihe der AusbilderInnen sind Weggefährten aus der Pionierzeit des STR, die Frau Dr. Stein verbunden waren und die Methode aus Überzeugung an die jüngeren KollegInnen weitergeben. Ausbildungsmöglichkeiten gibt es heute auch in Südtirol, Österreich und Ungarn.

 

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